ASIEN – Nr. 90 (Januar 2004)
ASIEN – Nr. 90 (Januar 2004)

Von Karten und Grenzen: Die koloniale „Durand Line“ als permanenter geopolitischer Konfliktstoff zwischen Afghanistan und PakistanJürgen Clemens

ASIEN – Nr. 90 (2004) pp. 53–58

It is a dotted line border, […] It has not really been demarcated. So what happens is that the soldiers, not knowing where the exact border would lie, they trespass into Afghanistan territory or Pakistan territory by 100 meters or 200 metres for a better location.

Dieses Statement des pakistanischen Botschafters in Kabul dokumentiert die jüngste Zuspitzung des vor mehr als einhundert Jahren durch die Briten begründeten Konfliktes zwischen Afghanistan und Pakistan. Dabei steht vor allem die umstrittene Anerkennung einer kolonialen, oftmals nur auf Karten existierenden Grenze im Zentrum. Das „Konstrukt“ der „Durand Line“ von 1893 als erste und bis heute wirksame Grenzziehung zwischen Afghanistan und dem heutigen Pakistan berührt unmittelbar die Grundfesten von Nationalstaaten in einer Region mit zuvor gänzlich anderen ethnischen, historischen und administrativen Entwicklungen. Die postmoderne Hinterfragung von Karten als „soziale Konstrukte“ erfährt somit am Beispiel der kolonialen Grenzziehung mitten durch pashtunische Siedlungsgebiete eine frühe Bestätigung. Diese Grenze hatte für die Stammesbevölkerung bislang nur eine geringe Relevanz und wurde von afghanischer Seite nie ratifiziert. Vielmehr gelten die Stammesgebiete als kaum kontrollierbare Rückzugs- und Transiträume.