ASIEN – Nr. 162/163 (Januar/April 2022)
ASIEN – Nr. 162/163 (Januar/April 2022)

Die Diskussion um die moralische Positionierung der deutschen Sinologie – von Taiwan aus betrachtet. Ein Kommentar zur Ausgabe Nr. 32 der minima sinicaThilo Diefenbach

ASIEN – Nr. 162/163 (2022) pp. 119–23

Im Frühjahr 2022 widerfuhr der deutschen Sinologie die Ehre, gleich zweimal
prominent in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung diskutiert zu werden: Am 9. März
bezogen Björn Alpermann und Gunter Schubert unter dem Titel „Gegen das
moralische Kreuzrittertum“ Stellung, worauf Andreas Fulda u. a. am 16. März mit
„Grenzenlos kompromissbereit?“ antwortete.1 Gegenstand der Auseinandersetzung
war die Frage, wie chinakritisch sich die deutsche Sinologie zu positionieren und zu
äußern habe – und ob das überhaupt vonnöten sei. Die Untertitel der beiden Artikel
umreißen die jeweiligen Standpunkte recht gut. Bei Alpermann/Schubert heißt es:
„Chinaforschung ist kein politischer Aktivismus. Sie muss taktische Zugeständnisse
machen, um den Weg der Erkenntnis offen zu halten. Die Konformismusvorwürfe
mancher Beobachter entbehren der Grundlage.“ Und bei Fulda: „Angesichts von Xis
Repressionspolitik muss die Chinaforschung ihre Rolle überdenken. Die
Ausblendung von Problemen und die Stigmatisierung kritischer Stimmen sind der
falsche Weg.“